ANGST – eine Hotelgeschichte

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Weit draußen vom Meer aus schon der Blick auf die meterhoch großen Buchstaben auf dem Dach, die ein Wort ergeben: A-N-G-S-T. Eine Täuschung, ein Spuk? Mitnichten.

Es ist der Name von Adolfo Angst, einem Schweizer, der 1887 in Bordighera, Ligurien, ein Luxushotel errichten ließ, das eine der wohl begehrtesten Adressen an der italienischen Riviera wurde.

Prunkvolles Hotel der Jahrhundertwende und Residenz für die die milde Wärme suchende wohlhabende und aristokratische Klientel aus England, Deutschland, Russland.

Cosima Wagner, Lovis Corinth oder der – leider aus tagespolitischen Gründen abgesagte – Aufenthalt von Queen Victoria – bloß drei unter der Schar von Gästen, deren wohlklingende Namen allein für das Anrecht auf ein Maximum an Behaglichkeit, Fürsorge und Komfort stehen. Das Hotel Angst mit seinen Suiten, Speisesälen, Salons, Bibliothek, Bridgeclub und ausgedehnten Parkanlagen bürgte für höchsten Luxus, Komfort und – mit Verdi-Musikabend, den Galas der Akrobaten, Magiere und Wahrsagerinnen, den Maskenbällen – Zerstreuung.

In Bordigheras Vorstadt fanden wir die, die noch vom einstigen Luxus erzählen konnten: den Geigenbauer; den greisen ehemaligen chef de cuisine, der während seines Vortrags über die damaligen Speisenfolgen mit Suppe, Pasteten, Törtchen gestenreich seinen Garten durchmisst; die bald hundertjährigen Schneiderinnen, die die Ballkleider der Damen im Angst entwarfen.

Die Weltkriege waren das Aus für den mondänen Tourismus in Bordighera und das Hotel. Der Palast verfällt. Vogelschwärme besetzten Dachböden und Etagen, Farne und Efeu wachsen und umranken die wuchtigen Öfen des Küchentrakts. Durch lange Flure, Säle und Treppenhaus machen wir eine Reise zurück. Der wie erst gestern geschlossene Frisiersalon, die verblassten Wandgemälde, alte Briefe und Prospekte an der Rezeption, Tapeten, Bettgestelle und Schränke mit vergilbten Wäschezetteln in den wie unberührt wirkenden Zimmern. Eine Reise zurück –wie ein Spuk.

  • Siehe auch den Roman, der das Hotel Angst zum Thema einer Geschichte macht: John von Düffel. Angst. Dumont, 2006

 

Freispiel

freispiel.jpgWas kann dabei herauskommen, wenn Musiker der nationalen und internationalen Rock-Avantgarde mehrere Tage – ohne musikalische Vorgabe und ohne Rückgriff auf Repertoires – zu Sessions aufeinandertreffen? Das endet entweder im vollständigen Chaos der Klänge oder – wird zu einem einzigartigen Filmprojekt wie FREISPIEL, einem Projekt, das in der internationalen Popmusikszene bisher ohne Beispiel ist.

Vierzig Musiker unterschiedlichster stilistischer Herkunft trafen sich zwischen dem 22. und 25. November 1993 im Kölner Stadtgarten, um sich auf dieses gewagte Experiment und diesen außergewöhnlichen Arbeitsprozess einzulassen. Der Titel war Programm: Die Musiker hatten ein wahrhaftes Freispiel. In Konstellationen, die auf stilistische Vorlieben ebenso wenig Rücksicht nahmen wie auf etwaige persönliche Unvereinbarkeiten, trafen sie in Sessions aufeinander und ließen Musik entstehen: Gemeinsam und spontan, aus dem Augenblick und der kreativen Macht des Moments heraus. Der Weg war das Ziel. „Aus dem Moment heraus komponieren und auf Tonband schreiben statt auf Papier,“ sagt Jaki Liebezeit von CAN.

Was auch immer an den vier Tagen des FREISPIEL geschah, die Kamera war Zeuge, Zuschauer und Teilnehmer eines permanenten Wechselbads, der komplexen Chemie aus Stimmungen, musikalischen Farben, Freundschaften, Empfindlichkeiten. Und dokumentiert, wie letztendlich nicht Chaos regierte, vielmehr als Ergebnis: Songs, Musik, ein Soundtrack.

Kritiken (eine Auswahl)

Die Idee ist entsetzlich gut, die Umsetzung gewagt, das Ergebnis Kult. Süddeutsche Zeitung

Dass das so gut funktionieren kann, ist schon ein Wunder. Tagesspiegel

Freispiel: Eine Einladung zum Risiko. Künstler, Pioniere, große Namen, aber auch Fremde, die lediglich durch die universelle Sprache Musik miteinander verbunden sind…Der Freispiel-Soundtrack ist musikalischer Crossover par excellence. Prinz

Schier undenkbar scheint es, dass sich diese verschiedenen Musiker wirklich nahe kommen und versuchen, gemeinsam etwas bisher Ungehörtes auszuprobieren. ZITTY.

In Schnellfress-Musikzeiten – ein kleines Stückchen Ewigkeit. WDR Eins Live

Freispiel ist kein gewöhnlicher Musikfilm. Er zeichnet die Gründe nach, aus der Musik entsteht und trägt dazu bei, Musik wieder als Prozess, nicht als Produkt begreifbar zu machen. TIP

Ohne Vorbereitung, ohne Absprache. Das Ergebnis: Ein Popthriller, der langsam, aber gewaltig kommt. Express

(Vgl. auch den Langzeitreport über den Sessionsverlauf unter dem Aspekt der technischen Herausforderungen, die sich durch die Installation eines mobilen Aufnahmestudios stellten, in: STUDIO/Fachzeitschrift für professionelle Audiotechnik – Nr.175, Dez. 93: „ (…) Bilanz: Das gesamte Projekt ist vor allem für deutsche Verhältnisse als sehr außergewöhnlich zu bezeichnen, ebenso wie die technische Qualität und das musikalische Ergebnis.“)

Die teilnehmenden Musiker

Rüdiger Braune KOWALSKI o Frieder Butzmann o Jaz Coleman KILLING JOKE o Billy Currie ULTRAVOX o Kurt Dahlke PYROLATOR o Jürgen Dahmen o Gabi Delgado DAF o Ralf Dörper KRUPPS o F.M. Einheit EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN o Rüdiger Elze KOWALSKI o Frank Fenstermacher DER PLAN o Jakob Friedrichs ELEMENT OF CRIME o Tilman Fürstenau SANDOW o Geordie KILLING JOKE o Andrew Gill JOY DIVISION/GANG OF FOUR o Robert Görl DAF o Gudrun Gut MALARIA o Ulrike Haage RAINBIRDS o Helmut Hattler KRAAN/TAB TWO o Thomas Heberer TOME XX o Ramzy Hossam o Uwe Jahnke S.Y.P.H. o Kris Justice-Hahn CHILTONS o Saba Komossa DELKOM o Jaki Liebezeit CAN o Lothar Manteuffel ELECTRIC MUSIC o Conny Mathieu ROAM o Tom Mega o Lothar Meid AMON DÜÜL o Michael Mertens PROPAGANDA o Dieter Moebius CLUSTER o Mani Neumeier GURU GURU o Ismael Nizar o Richard Pappik ELEMENT OF CRIME o Harry Rag o Sven Regener ELEMENT OF CRIME o Blaine Reininger TUXEDO MOON o Ramesh Shotam o Tommi Stumpff o Franz Treichler YOUNG GODS o Markus Winstroer ROAM o Cay-Michael Wolf o Special guest: Michael Altmann

Cast (Auswahl)

Burkhard Steger KONZEPT UND REGIE o Arno Steffen IDEE UND MUSIKALISCHE LEITUNG o Gerhard von Richthofen PRODUZENT o

Monica Byrne KÜNSTLERKOORDINATION o Robert Berghoff BILDGESTALTUNG o Dieter Krauthausen Rene Tinner Gerhard Veeck Wolfgang Wirtz TONINGENIEURE o Josef van Ooyen BILDSCHNITT o Chateau Rentals AUDIOEQUIPMENT o Fertig United Tonstudio und Can Studio MUSIKBEARBEITUNG o Ruhrsound Studios TONBEARBEITUNG o Gruppe 5 Film PRODUKTIONSFIRMA o Mit Unterstützung der Filmstiftung NRW und des WDR